Institut für Kunstgeschichte
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Hedwig von Polen. Europäische Architektur am bayerischen Hof

Im Jahre 1475 wurde in Landshut mit großem Aufwand die Hochzeit des Wittelsbacher Prinzen Georg aus der Linie Bayern-Landshut mit der Tochter des polnischen Königs Kasimir IV. gefeiert. Die Königstochter Hedwig von Polen band das bayerische Herzogtum in ein Netzwerk des europäischen Hochadels ein, das über ihre zahlreichen königlichen Geschwister von der Ostsee im Norden bis nach Ungarn im Süden reichte. Seit dem 19. Jahrhundert feiert die Stadt Landshut dieses Ereignis mit einem überregional bekannten Festaufzug.

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Burg Burghausen, Hedwigskapelle, Empore mit Stifterrelief (Foto: Stephan Hoppe 2016)

In den letzten Jahren sind diese volkstümlichen Erinnerungen an das fürstliche Paar durch hochkarätige wissenschaftliche Ausstellungen des Landshuter Stadtmuseums zur Kunst und Hofkultur dieser Zeit ergänzt worden. Es handelt sich um eine Zeit, die von der deutschen Forschung oft als Spätmittelalter bezeichnet wird, in der sich aber schon deutliche Züge der beginnenden Neuzeit und der europäischen Renaissance zeigen. Diese Kulturepoche tritt zurzeit wieder stärker ins Bewusstsein von Öffentlichkeit und Wissenschaft.

Bislang zu wenig Beachtung gefunden haben allerdings die baulichen Manifestationen dieser Zeit. Gemäß den am Landshuter Hof konzentrierten, überdurchschnittlichen materiellen und geistigen Ressourcen war diese Architektur nicht nur sehr aufwendig, sondern brachte auch zahlreiche, bislang nur unzureichend verstandene Neuerungen hervor. Dazu gehören u.a. neben dem zeitgenössischen Ausbau der Hauptresidenz Trausnitz über Landshut die fast vollständigen Neubauten der Residenzschlösser in Ingolstadt und in Burghausen nach neuen internationalen Standards.

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Neues Schloss Ingolstadt, Palas (1479 - um 1490), Rekonstruktion 2. OG (Christa Syrer 2014)

In Burghausen entstand außerdem in Verbindung mit der Residenz Hedwigs von Polen eine der modernsten Festungsanlagen ihrer Zeit, die überraschende Parallelen mit den weitaus bekannteren Anlagen der Prager Königsburg und den ikonischen Bauerfindungen des Ingenieurs und Theoretikers Francesco di Giorgio Martini in den italienischen Marken zeigt. Das Herzogspaar stiftete zahlreiche Sakralbauten, von denen besonders die sogenannte Hedwigskapelle auf der Burg in Burghausen mit ihren spektakulären und innovativen Gewölbefiguren hervorsticht. Hinzu kamen weitere Bauten wie Stadthäuser in Burghausen oder Umbauten und Umnutzungen von Bürgerhäusern für höfische Zwecke.

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Burg Burghausen, links: Wehrgang, um 1480 - 1500; rechts: Gewölbe der Hedwigskapelle, um 1489 - 1493, Werkmeister Wolfgang Wiser (Fotos: Stephan Hoppe 2016)

Der Landshuter Hof war aber nicht nur von diesen fürstlichen Monumentalbauten geprägt. Wir finden hier eine hohe Konzentration von bayerischen Adligen, Humanisten und Künstlern, die sich in Städten wie Landshut und Ingolstadt ansiedelten und die urbane Struktur mitgestalteten. Auch ihre Wohnverhältnisse, die Orte ihrer Haushalte und die jeweilige Nähe oder Ferne zum Herzogshof lassen sich noch in vielen Fällen rekonstruieren und eröffnen vielfältige Anknüpfungspunkte zu weiteren Forschungen.

Um diese vielfältigen Aspekte bayerischer Architektur wieder in den überregionalen und internationalen Rahmen einzubinden, aus dem sie als fürstliche Kunst der beginnenden frühen Neuzeit ursprünglich hervorgegangen sind, eignet sich die Person der Hedwig von Polen sehr gut. Natürlich sollen dabei die zahlreichen weiteren Akteure, mit denen sie verbunden war, nicht aus den Augen verloren werden.

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Burg Burghausen, Hauptburg von Osten (Foto: Stephan Hoppe 2015)

In dem Forschungsprojekt sollen u.a. Fragen nach dem Oeuvre und der Interaktion verschiedener Künstler und ihrer möglichen Berater im Umfeld des Landshuter Hofes gestellt und das intellektuelle und kunstbezogene Netzwerk über Bayern hinaus rekonstruiert werden. Die bauliche Überlieferung soll mit modernen Untersuchungsmethoden (Bauforschung, Dendrochronologie) detaillierter als bisher analysiert und ihre Funktion und Semantik vor dem Hintergrund aktueller Forschungsergebnisse im Zusammenhang untersucht werden. Grundsätzlich sollte die Feinchronologie so wichtiger Bauten wie der Burg von Burghausen oder des zeitgenössischen Umbaus der Trausnitz überprüft werden, da nur eine zutreffende zeitliche Ansprache die Verknüpfung mit dem historischen Kontext und die Rekonstruktion von konkreten Prozessen des Kulturtransfers erlaubt.

Zunächst handelt es sich bei dem Forschungsprojekt um eine Ad-hoc-Kreation, für die schon Vorarbeiten am Institut für Kunstgeschichte der LMU, Professur für bayerische Kunstgeschichte, entstanden sind, die aber nun stärker gebündelt und thematisch ausgeweitet und vernetzt werden sollen. Zur Mitarbeit wird ausdrücklich ermuntert; geeignete Finanzierungsquellen für Teilbereiche der Forschung werden geprüft.

Stephan Hoppe, im Juni 2016

 

Ansprechpartner/innen:

Prof. Dr. Stephan Hoppe
Christa Syrer M.A.
Magdalena März M.A.

 

Vorarbeiten:

Hoppe, Stephan: Baumeister von Adel. Ulrich Pesnitzer und Hans Jakob von Ettlingen als Vertreter einer neuartigen Berufskonstellation im späten 15. Jahrhundert. In: Lang, Astrid; Jachmann, Julian (Hrsg.): Aufmaß und Diskurs. Festschrift für Norbert Nußbaum zum 60. Geburtstag. Berlin 2013, S. 151-186. Volltext auf ART-Dok

Hoppe, Stephan: Die Residenzen der Reichen Herzöge von Bayern in Ingolstadt und Burghausen. Funktionale Aspekte ihrer Architektur um 1480 im europäischen Kontext. In: Schmid, Alois; Rumschöttel, Hermann (Hrsg.): Wittelsbacher-Studien. Festgabe für Herzog Franz von Bayern zum 80. Geburtstag (Schriftenreihe zur bayerischen Landesgeschichte, Bd. 166). München 2013, S. 173-200. Volltext auf ART-Dok

März, Magdalena: Aspekte baulicher Manifestation von Magnifizenz im Ausbau der Burg Burghausen. Blogbeitrag auf arx et scientia 2016, http://mab.hypotheses.org/38.

Syrer, Christa: "warlich ain wonung, darin ain ieder König vnd Kayser wirdigklich hausen möchte". Baugeschichte und funktionale Struktur des Neuen Schlosses in Ingolstadt am Beginn der Neuzeit. In: Greiter, Susanne/ Zengerle, Christine (Hrsg.): Ingolstadt in Bewegung. Grenzgänge am Beginn der Reformation. Göttingen 2015, S. 255-287.

Syrer, Christa: Syrer, Christa: Des Herzogs »newe veste«: Zur Bautätigkeit unter Ludwig dem Gebarteten in Ingolstadt in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. In: Kunstgeschichte. Open Peer Reviewed Journal, 2013 (http://www.kunstgeschichte-ejournal.net/422/).

 

Weiterführende neuere Literatur mit Bezug auf die Epoche Herzog Georgs und Herzogin Hedwigs:

Dorner, Johann: Herzogin Hedwig und ihr Hofstaat. Das Alltagsleben auf der Burg Burghausen nach Originalquellen des 15. Jahrhunderts, Bd. 53 (= Burghauser Geschichtsblätter 53). Burghausen 2002.

Bauer, Thomas Alexander: Feiern unter den Augen der Chronisten. Die Quellentexte zur Landshuter Fürstenhochzeit von 1475. München 2008.

Franz Niehoff (Hrsg.): Vor Leinberger Landshuter Skulptur im Zeitalter der Reichen Herzöge 1393-1503 [Katalog in 2 Teilbänden zur Ausstellung der Museen der Stadt Landshut in der Spitalkirche Heiliggeist vom 23. Juni bis 28. Oktober 2001]. Landshut 2001.

Niehoff, Franz/ Bauer, Thomas Alexander/ Breiding, Dirk H. (Hrsg.): Ritterwelten im Spätmittelalter. Höfisch-ritterliche Kultur der Reichen Herzöge von Bayern-Landshut. Ausstellungskatalog. [Katalog zur Ausstellung der Museen der Stadt Landshut in der Spitalkirche Heiliggeist vom 26. Juni bis zum 27. September 2009]. Landshut 2009.

Statnik, Björn: Sigmund Gleismüller. Hofkünstler der reichen Herzöge zu Landshut. Petersberg 2009.

Niehoff, Franz (Hrsg.): Das Goldene Jahrhundert der Reichen Herzöge. Landshut 2014.